Vorbildliches Antigewaltprojekt

In Österreichs Spitälern sind Übergriffe gegen MitarbeiterInnen immer noch ein großes Tabuthema. Auch fehlen im Vergleich zu Deutschland, Großbritannien oder der Schweiz konkrete statistische Zahlen. Zahlen in diesen Ländern sind aber sicher auf Österreich umzulegen. So gibt es dort 50 % und mehr Angriffe gegen das Personal, sexuelle Belästigung haben schon mindestens 25 % der weiblichen Pflegekräfte erlebt, 70 % bis 90 % klagen über Beschimpfung, Bedrohung und Herabwürdigung. Die Folgen erlebter Gewalt sind oft gravierend: Wut, Depression, Angst, Schuldgefühle, Burnout und verschiedenste körperliche Verletzungen.

Bedroht, getreten, bespuckt, gekratzt, gebissen, beleidigt, sexuell belästigt: für MitarbeiterInnen im Gesundheitsbereich leider schon beinahe Alltag in unseren Spitälern. Gesprochen wird darüber meist nur hinter vorgehaltener Hand. Die Betroffenen werden allein gelassen.

Vorreiter Krankenhaus St. Josef

Als erstes österreichisches Spital reagierte auf diese alarmierenden Zustände das Krankenhaus St. Josef Braunau der Franziskanerinnen von Vöcklabruck, obwohl dort vergleichsweise noch relativ wenig passiert. In vorbildhafter Weise beschlossen die Geschäftsführung, die Pflege-direktion und das Qualitätsmanagement ein professionelles Antigewaltprogramm zu starten. Im Oktober 2013 wurde das Projektteam „Gewalt gegen MitarbeiterInnen“ gebildet, bestehend aus VertreterInnen der Pflege, des Personalmanagements, des Betriebsrats, des Qualitätsmanagements, der Ärzteschaft und einem externen Fachexperten. Projektleiterin ist die stellvertretende Pflegedirektorin des Krankenhauses Sylvia Aigner. Dieses Antigewaltprogramm findet nun auch große Beachtung bei anderen österreichischen Spitälern.

„Offen reden – engagiert dagegen“

So lautet die Devise des Antigewaltprojekts. Unter einem falsch verstandenen Toleranzgedanken wird die Gewaltproblematik in Gesundheitsberufen nicht angegangen und ignoriert. Tatsache ist auch, dass die Toleranzgrenze von in sozialen Berufen Tätigen sehr hoch ist. Währenddessen sinkt die Hemmschwelle bei manchen PatientInnen immer mehr. Reden über erlittene Gewalt erforderten vom Braunauer Krankenhauspersonal ein Umdenken und ein neues Problembewusstsein. MitarbeiterInnen legten ihre Angst und Schuldgefühle ab, ein neues Selbstbewusstsein ist entstanden. „Hauptsache, man kann reden, das tut sehr gut. Das Personal fühlt sich jetzt wirklich wertgeschätzt. Es wird mit seinen Problemen nicht allein gelassen“, so die positiven Reaktionen.

Breiter Maßnahmenkatalog erfolgreich

Seit dem Projektstart 2013 wurde eine Fülle von Maßnahmen zum Aggressionsabbau gesetzt. Präventive Vorkehrungen zur Deeskalation gehören dazu. Viele KrankenhausmitarbeiterInnen haben Deeskalationsmethoden mit einem hauseigenen Trainer eingeübt. Schwerpunkte hier sind gewaltvermeidende Kommunikation, Gefahrensituationen frühzeitig erkennen, beruhigen und Abwehrtechniken lernen. Natürlich ist Gewalt nicht gleich Gewalt. Demenzkranke, psychisch Kranke, PatientInnen mit schwersten Erkrankungen und starken Schmerzen, äußern ihre Ängste und Verzweiflung manchmal über Aggressionen. Dafür sind die KrankenhausmitarbeiterInnen geschult, Probleme bereiten aber die zunehmenden Fälle bewusster, mutwilliger und provokanter verbaler oder nonverbaler Gewalt.

Projekt sehr wirksam

Eine genaue Erfassung und konkretes Schildern der Übergriffe ermöglichen erst ein Agieren gegen Gewalt. Es folgen ein Eintrag in die Pflegedokumentation und ein verpflichtendes fallbezogenes Gespräch zwischen dem Vorgesetzten des Betroffenen und dem Verursacher. Das erweist sich in den allermeisten Fällen als schnell wirksam. Als letzte Konsequenz bei besonders schweren Übergriffen oder Wiederholungen kann ein Patient auch in ein anderes Haus verlegt werden. Für akut Bedrohte wurde ein Bedrängnisalarm eingerichtet. Teilweise haben MitarbeiterInnen schon eine Notfalltaste auf ihrem Spitalstelefon. Ein im ganzen Haus verteiltes und stets einsatzbereites Notfallteam kann immer gerufen werden und bringt Hilfe.

Antigewaltprojekt