AKTUELLES
GesundheitsDialog St. Josef Braunau –
Alarmierendes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen
Der heurige GesundheitsDialog des Krankenhauses St. Josef Braunau am Samstag, 16. April, im Vitalhotel Geinberg hatte zum Thema: „Alarmierendes Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen – Der „schwere“ Gang durchs Leben“. Nach Grußworten von Dr. Günter Jakobi, Geschäftsführer der TAU.GRUPPE.VÖCKLABRUCK und Prim. Prof. Dr. Uwe Wintergerst, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Krankenhaus St. Josef und Organisator der Veranstaltung, gaben namhafte Referenten wie Prof. Hans Holdhaus, Institut für medizinische und sportwissenschaftliche Beratung (IMSB), Maria Enzersdorf, Prof. Dr. Elisabeth Ardelt-Gattinger, Universität Salzburg, Dr. Hans Mühleder, Wels, Prof. Dr. Thomas Reinehr, Vestische Kinder- und Jugendklinik Datteln (Deutschland), Universität Witten-Herdecke und Dr. Daniel Weghuber, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Salzburg, Einblicke zum Thema aus verschiedensten Aspekten. Die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, sieht Adipositas als eines der brennendsten medizinischen, sozialen und wirtschaftlichen Probleme der nächsten Jahre und Jahrzehnte an.
Übergewicht ist eine Krankheit
Unbestritten ist, dass Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen keine psychische Störung, sondern eine chronische Krankheit ist, die mit dem Alter zunimmt. Übermäßiges Essen ist eine echte Suchterkrankung, der Suchtfaktor hat auch einen großen Einfluss auf Zu- und Abnehmen. „Je höher das Gewicht, desto höher die Suchtwerte.“ Übergewichtige Kinder beschäftigen sich überdurchschnittlich mit Ess-Kontrolle. Ein Teufelskreis, denn je mehr sie Gedanken an Essen unterdrücken wollen, umso stärker wird der Wunsch danach. Eine Tatsache ist auch, dass in der heutigen westlichen Gesellschaft bei Mädchen und Buben aller Gewichtsklassen das dünne Schönheitsideal das gängige ist, bei Mädchen noch verstärkt. Prof. Holdhaus bezeichnete Übergewicht als das Megaproblem, „Es entwickelt sich eine kranke Gesellschaft, die Problematik wird von der Politik fast überhaupt noch nicht wahrgenommen.“
Viele Kinder können keine Purzelbäume mehr
Viele Kinder von heute können keine Purzelbäume mehr machen, sie können auch nicht mehr rückwärts laufen. Das hat dramatische Folgen im Alltag. Übergewichtige Kinder sind nämlich bedeutend verletzungsanfälliger als normalgewichtige. 75 % der Kindergartenkinder in Österreich haben schon schwere motorische Mängel. Bewegungsmangel ist laut Prof. Holdhaus primär das Hauptproblem von Adipositas, erst dann kommt die Nahrungsmittelproblematik. Es besteht heute eine gefährliche Missrelation zwischen Bewegung und Ernährung. Kinder und Jugendliche sind in ihrer Bewegung stark eingeschränkt, leben nur noch in immer kleineren „Bewegungsinseln“. Bewegung ist aber die Voraussetzung für eine gesunde Gesamtentwicklung von Kindesalter an, es geht hier nicht um Ab- oder Zunehmen, sondern es geht prinzipiell um die Gesundheit, vor allem um die Gesundheit im Erwachsenenalter. Aufgerufen sind Kindergärten und Schulen hier durch spezielle Bewegungsprogramme präventiv zu wirken. „Blick weg von der Waage“, nicht mehr der Body-Mass-Index ist ausschlaggebend, sondern im Kinder- und Jugendalter wird eine Fülle von Risikoprofilen entwickelt, neben dickem Bauchumfang, die Dicke des Unterhautfettgewebes, z.B. an Nacken, Gesicht, Leisten und Beinen. Bereits bei adipösen Kindern von 8 bis 10 Jahren sind Vorläufer von Gefäßverkalkungen festzustellen, die Vorschädigung der Gefäße hängt unmittelbar mit Übergewicht zusammen. Frühe Gegenmaßnahmen bringen aber bei Kindern und Jugendlichen noch eine Umkehrbarkeit. Ein ganz großes Problem ist, dass der Großteil der Eltern oft gar nicht merkt, dass ihre Kinder übergewichtig sind, dementsprechend ganz wenige Kinder machen auch eine Therapie.
Familien kommt große Bedeutung zu
Grundsätzlich ist festzustellen, es gibt keine einfachen Rezepte und Therapien zum Abnehmen. Verschiedene Arten von Therapien wie die kognitive Therapie, das Kim-Kilo-Programm und das Obeldicks-Programm wurde beim GesundheitsDialog vorgestellt. Allen Therapien aber ist gemeinsam, dass der Familie eine große Bedeutung zukommt. Die Behandlung der gesamten Familie ist bei adipösen Kindern entscheidend. Und allen Therapien gemeinsam ist auch ein ausführliches Bewegungsprogramm. Erst wenn Kinder und Eltern motiviert sind, ist eine Therapie erfolgreich. Auch Zeit und Wille sind für ein erfolgreiches Programm erforderlich, wobei es nicht wie allgemein angenommen wird, immer nur primär um das Abnehmen geht, es geht um die Verbesserung des Gesamtzustandes des adipösen Kindes. Die meisten Programme dauern zwischen sechs Monaten und einem Jahr und sind kostenlos, trotzdem ist die Nachfrage sehr gering. Ein Therapeut ist nicht Ratgeber, sondern Begleiter, Ratschläge dürfen keine „Schläge“ sein. Auch direkte Abnahmetipps bringen keinen Erfolg. Ein erfolgreicher Kampf gegen Übergewicht liegt darin, die Stärken des Patienten, und nicht die Schwächen aufzuzeigen. Und Therapien sind nur in der Gruppe erfolgreich, weil Kinder am meisten ihren Altersgenossen glauben und vertrauen. Die „Fülle des Lebens“ widerspiegelt jedenfalls eine Fülle von Defiziten, die auch vom übergewichtigen Kind und Jugendlichen als solche empfunden werden. Daher bietet eine gelungene Therapie auch ein gestärktes Selbstbewusstsein, das bringt zwar nichts für die ohnehin schwierige Gewichtsproblematik, hebt aber die Lebensqualität.

v.l.n.r.: Wintergerst, Reinehr, Weghuber, Mühleder, Holdhaus

Elisabeth Ardelt-Gattinger
