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Dezentrale Entwöhnung im Innviertel, Früherkennung und
Mitverantwortung der Gesellschaft bei Alkoholkrankheit

Der GesundheitsDialog des Krankenhauses St. Josef Braunau hatte am Samstag, 17. April, in der Therme Geinberg das Thema „Hilfe und Versorgung bei Alkoholabhängigkeit - wie erreichen wir Alkoholkranke?“. Referenten waren Univ.Prof. Dr. Friedrich Wurst von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, Dr. Brigitte Dolezal, Therapiezentrum Traun, Psychotherapeut Dr. Christoph Jenner, Salzburg, Dr. Ursula Bailer, Betriebsärztin Wacker Chemie Burghausen und Prim. Dr. Christian Spaemann, Klinik für Psychische Gesundheit Krankenhaus St. Josef Braunau.

Früh übt sich, wer alkoholkrank wird
Die Zahlen und Fakten zum Alkoholkonsum in Österreich sind ernüchternd. 10 Prozent der Bevölkerung haben einen problematischen Umgang mit Alkohol, 5 Prozent sind alkoholkrank, betroffen sind zwischen 300.000 und 500.000 Österreicher. Der negative und im Steigen befindliche Trend: eine kleine aber relevante Gruppe von österreichischen Kindern und Jugendlichen trinkt immer früher, etwa ab dem 12. Lebensjahr, und exzessiver. Somit liegt diese Altersgruppe im europäischen Durchschnitt im traurigen Spitzenfeld. Die Jugendlichen trinken, weil es cool ist (61 Prozent), aus dem Wunsch dazu zu gehören (51 Prozent) und als Seelentröstung und Frustbekämpfung (41 Prozent). Doch gerade wer früh zu trinken beginnt, hat eine zwei bis fünfmal so große Gefährdung alkoholkrank zu werden. Und Jugendliche, die besonders viel Alkohol vertragen, haben ein besonders hohes Suchtpotenzial. Die Folgen für das jugendliche Hirn bei Alkoholmissbrauch sind dramatisch, sensible Gehirnareale, etwa die für das Lernen zuständig sind, werden schwer gestört. Ein weiterer negativer Trend ist, dass sich Frauen im Alkoholkonsum immer mehr an Männer anpassen. Grundsätzlich ist aber zu sagen, dass das Alkoholproblem bei Erwachsenen bedeutend größer ist als bei Jugendlichen. Auch bei zunehmendem Alter ab etwa 60 Lebensjahren ist ein Trend zu höherer täglicher Trinkfrequenz feststellbar, etwa bei 24 Prozent der Männer und 10 Prozent der Frauen.

Große Defizite in der Früherkennung von Alkoholkrankheit
Obwohl Alkoholkrankheit weit verbreitet ist, steckt ihre Früherkennung und Prävention in den Kinderschuhen. Alkoholkrankheit ist eine chronische und behandelbare Krankheit, aber stark unterdiagnostiziert. Die Alkoholkrankheit entwickelt sich meist über viele Jahre. Und wie bei anderen Krankheiten auch gilt: Je früher die Krankheit erkannt wird, desto besser die Behandlungsaussichten. Denn Alkoholkrankheit ist eine tödliche Krankheit mit vielen organischen Spätschäden, 7 Prozent der Alkoholkranken begehen Selbstmord. Grundsätzlich gilt: Eine Behandlung alkoholbezogener Störungen ist immer effektiver als die Nichtbehandlung, egal in welchem Alter.
Nur 5 bis 14 Prozent finden einen Weg zum professionellen Entzug. Man wird in Zukunft dem Krankheitsbild Alkoholismus verstärkt viel mehr Aufmerksamkeit widmen. Speziell dem Hausarzt wird in Koordination mit gemeindenahen Verstärkermodellen hier in Zukunft eine wichtige Rolle zukommen, diesen „therapeutischen Nihilismus“ zu beenden. Denn gerade der Hausarzt hat den notwendigen Kontakt, um den Alkoholkranken zu einer Behandlung zu motivieren.

Dezentrale Entwöhnung für das Innviertel notwendig
Prim. Dr. Christian Spaemann fordert deshalb ein gemeindenahes Verstärkermodell für Braunau und das Innviertel. Dieses besteht aus einer engen Vernetzung von Hausärzten, Fachärzten, Krankenhausärzten, Psychologen, Psychiatern, Selbsthilfegruppen und Familientherapie. Der Aufbau eines solchen regionalen Netzwerkes „Suchtzentrum Braunau“ hätte viele positive Folgen. Denn damit kann schnell und flexibel und vor Ort auf den Betreuungsbedarf der Patienten eingegangen werden. So bringt etwa eine qualifizierte und professionelle Kurzinformation über Alkoholentzug schon eine Steigerung von 5 auf 65 Prozent, eine professionelle Stelle zur Behandlung der Alkoholkrankheit aufzusuchen. Entscheidend aber ist, dass diese Stelle im Innviertel und damit gut zugänglich sind. Dieses Zentrum muss ambulante, teilstationäre und stationäre Bereiche umfassen, es muss eine erste Anlaufstelle sein, Entgiftung, Entzug, Entwöhnung und Nachsorge ganzheitlich anbieten. Denn Entgiftung allein bringt mittel- und langfristig keine dauerhafte Abstinenz. Gerade die teilstationäre und ambulante Entwöhnungsbehandlung in der Dauer von drei bis vier Monaten muss in Zukunft dezentral in Braunau angeboten werden. Derzeit gibt es eine derartige Stelle nur in Bad Hall. Aber auch höchst erfolgreiche Spezialprogramme, die in diesem Zentrum angeboten werden sollen, sollten von den Krankenkassen bezahlt werden, bisher müssen das die Alkoholkranken selbst leisten. Allein aus ökonomischen Gründen wäre dies sinnvoll. So betragen die jährlichen sozialen Kosten von Alkoholkrankheit in Deutschland 125 Milliarden Euro.

Gesellschaftliche Mitverantwortung
Bei Alkoholkrankheit gibt es eine große gesellschaftliche Mitverantwortung. Die Gesellschaft müsse sich mehr einmischen, nicht wegschauen, so Referent Dr. Jenner. Zeit – Zärtlichkeit – Zuwendung, so Dr. Jenner, sind die drei großen Erfolgsfaktoren in einer geglückten Alkoholbehandlung. Oft entstehen Alkoholerkrankungen aus dramatischen Störungen in der Kindheit. Die Sucht entsteht aus dem nicht vorbereitet Sein auf das Leben. Es geht bei der Behandlung von Alkoholerkrankung immer und vor allem auch um die Stabilisierung der Persönlichkeit, das Ausgleichen von Ich-Defiziten. Nicht gut zureden oder Vorwürfe machen Sinn, sondern dem Alkoholkranken Brücken bauen bei der Annahme von professioneller Hilfe. Die Prävention müsste schon im Kindergarten beginnen, Aufklärung muss die Kindheit und Jugend begleitend angepasst an Erfahrungen und Entwicklungsstadien dauerhaft durchgeführt werden. Die Erwachsenen haben für Kinder hier eine große Vorbildwirkung.

Alkohol im Betrieb - nicht wegschauen
Am Beispiel der Wacker Chemie in Burghausen, in der 4.000 Österreicher beschäftigt sind, zeigte Betriebsärztin Dr. Bailer, dass zwischen 3 und 5 Prozent der Beschäftigten jedes Betriebs alkoholkrank sind. Arbeit unter Einwirkung von Alkohol verursacht verminderte Produktqualität, Fehlzeiten bis hin zur Gefährdung anderer Mitarbeiter. Alkoholkranke erbringen am Arbeitsplatz nur 75 Prozent der geforderten Arbeitsleistungen. Bei Alkoholproblemen sehen viele Vorgesetzte aus falsch verstandenem Mitleid weg. Die Vorgesetzten haben aber die Pflicht, bei Verdacht den Mitarbeiter zu einem Alkoholtest aufzufordern. Es muss das Bewusstsein in den Firmen steigen, dass Menschen unter Einfluss von Alkohol schlechter arbeiten und dass man ihnen helfen muss. Ziel in einer Firma muss es sein, alkoholkranke Mitarbeiter zu einer Therapie zu bewegen. Wer in der Wacker Chemie eine Therapie macht und abstinent bleibt, verliert auch nicht seinen Arbeitsplatz. Gerade dieser Anreiz ist oft der wichtigste Grund eine Therapie in Angriff zu nehmen. Wichtig ist aber auch, dass Betriebe ein Umfeld schaffen, das Alkoholmissbrauch möglichst verhindert.

GesundheitsDialog St. Josef Braunau
von links:
Prim. Dr. Christian Spaemann, Dr. Brigitte Dolezal, Univ.Prof. Dr. Friedrich Wurst, Dr. Ursula Bailer, Dr. Christoph Jenner

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